Festival

Erstmals in Hamburg: CIC – Unabhängiges Kino aus China

CIC steht für  „Chinese Independent Cinema“ und die Präsentation einiger der besten unabhängig produzierten chinesischen Filme in Deutschland. Die 2014 und 2015 entstandenen Dokumentarfilme, Spielfilme und Experimentalfilme sollten im Rahmen eines unabhängigen Filmfestivals in China gezeigt werden. Dieses Forum wurde ihnen entzogen. Durch die Initiative von K26 sind sie nun Teil des Programms vom Filmfest Hamburg vom 1. bis 10. Oktober 2015 gewesen.

FFHH_Logo

Filmfest Hamburg zeigte insgesamt elf CIC-Filme in der Sektion Asia Express in ausgewählten Hamburger Programmkinos (Metropolis, Studio Kino und B-Movie), jeweils in der Originalfassung mit deutschen oder englischen Untertiteln.

Programm

Unabhängiges Chinesisches Kino – Die Risse in der Fassade
Jens Geiger

Mit einer Auswahl von elf unabhängig produzierten Filmen aus China eröffnet Filmfest Hamburg einen Blick auf Welten im Reich der Mitte, die im offiziellen und auch im Ausland gängigen Bild von der aufstrebenden und strahlenden Erfolgsgemeinschaft keinen Platz haben.
Hört man den offiziellen Verlautbarungen der Führung in Peking zu, so scheint es für sie ein oberstes Ziel zu geben, dem alle politischen Entscheidungen untergeordnet sind: die Harmonie. Das klingt gut. Nach einem friedlichen, stabilen Gemeinwesen. Nach umfassendem Verständnis für die Bedürfnisse der Mitmenschen. Sprich: Nach einer Nation im Einklang mit sich und der Welt. „Harmonische Vielfalt“ (和谐社会) nennt sich diese sozioökonomische Idee in der staatlichen Diktion, seine Wirkmacht entfaltet dieses ideologische Muster in fast allen Lebensbereichen.
Was auf dem Weg zur vollständig harmonischen Gesellschaft stört, das sind Konflikte, Brüche und Widersprüche. Sie sind die Antithesen zur großen Vision, entlarven sie als geglättete Fassade. So wird der unbedingte Wille zur Harmonie, als spirituell-normative Zielsetzung vielleicht sogar erstrebenswert, in der praktischen Umsetzung zum Problem für Menschen und Institutionen, die dieses Wunschbild stören. Die Kritik üben an den Gegebenheiten, auf Missstände hinweisen oder sie auch nur dokumentieren. Oder die sie wahrnehmen und einfließen lassen in ihre künstlerischen Bearbeitungen von Realität.
So wie die Regisseure der Filme in der von Filmfest Hamburg kuratierten und gemeinsam mit K26 – Sino-German Association for Independent Art präsentierten Sonderreihe „Unabhängiges chinesisches Kino“. Ihre dokumentarischen, fiktionalen oder experimentellen Arbeiten sind gekennzeichnet durch einen scharfen Blick auf chinesische Lebenswirklichkeiten, die nicht so recht mit dem Bild der harmonisch voranschreitenden Nation in Einklang zu bringen sind. Sie handeln von einer Jugend, die sich gefangen fühlt zwischen restriktiven familiären Traditionen und dem Diktat des wirtschaftlichen Erfolges. Sie geben individualistischen Außenseitern einen filmischen Raum für ihre Gedanken und Geschichten.
Diese jungen chinesischen Autorenfilmer eröffnen uns einen Blick durch die Augen ihrer Generation, derer, die nach 1989 aufgewachsen sind. Sie tun das, was unabhängige Filmemacher vor ihnen rund um den Globus taten und bis heute tun: Sie blicken hinter die glatten Fassaden des schönen Scheins, sie dringen vor zu wahrhaftigeren Gefühlen als denjenigen, die sich in staatlich geförderten Hochglanzproduktionen finden.
Diese Bilder wider die Chimäre der Harmonie sind in China nicht erwünscht. Die ausgewählten Filme können dort nicht aufgeführt werden – nicht in Kinos, nicht auf Festivals und schon gar nicht im Fernsehen. Filmfest Hamburg möchte mit der Reihe „Unabhängiges chinesisches Kino“ dazu beitragen, dass diese kritischen und kreativen Stimmen nicht ungehört bleiben. Die Filmemacher sollen hier den Raum bekommen, der ihnen in ihrer Heimat verwehrt wird – ein Forum um ihre Arbeiten vorzustellen und sie mit einem interessierten Publikum offen zu diskutieren.

Das Programm

This Worldly Life_Poster

This Worldly Life/ Metropolis 02.10.2015/ 19:15 Uhr, OF mit dt. UT

Spielfilm 2015 – Der buddhistische Mönch Shuangquan muss den Zerfall seiner Welt konstatieren: Sein Abt hat sich abgesetzt, als Mönche getarnte Schwindler tauchen in der Gegend auf und erleichtern die Gläubigen. Der Tempel selbst befindet sich in den Grenzen eines zum Abriss freigegebenen Viertels. Grund genug für Shuangquan, sein religiöses Leben hinter sich zu lassen um in ein ausgesprochen weltliches Leben im Kreis von Kleinkriminellen und Prostituierten einzutauchen. Und doch bleibt er weiter auf der Suche nach seinem Platz in der Welt. Di Yixiang wirft in seinem beeindruckenden Debüt einen melancholischen Blick auf den Wandel in China und findet im Gesicht seines Hauptdarstellers einen idealen Spiegel für die Tristesse der Bilder.

Zhai Yixiang (*1987), aufgewachsen in Xuzhou im Nordosten Chinas, studierte er an der Universität Südwestchinas in Chongqing. Danach arbeitete er in der Film- und Medienbranche. Nach zwei Kurzfilmen und einem Dokumentarfilm ist „This Worldly Life“ sein Spielfilmdebüt. Der Regisseur wird zu unserer großen Freude in Hamburg dabei sein.

The Missing_Poster

The Missing/ Studio 03.10.2015/ 21:30 Uhr, OmeU

Hybrider Film 2015 – Ein christlicher Filmemacher verliert durch den Tod seiner Frau den Glauben und begibt sich in der chinesischen Kunstszene auf die Suche nach dem Konzept des „Vermissens“ und des „Fehlens“. Eingebettet in diesen fiktiven narrativen Rahmen sammelt Han Tao Interviews mit zahlreichen zeitgenössischen chinesischen Intellektuellen: Vom Menschenrechtsaktivisten Hu Jia über die Poeten Yu Xinqiao und Dao Zi bis hin zu einem Whistleblower und einer Body-Poetry-Künstlerin. So versammelt er ein Kaleidoskop an Dissidenten, die einen Eindruck vom geistigen Klima des Landes geben – und von dem, was fehlt.

Han Tao (*1979) geboren in Laiwu, Provinz Shandong. Lebt und arbeitet als Künstler, Regisseur, Verleger und Kurator in Peking. Außerdem unterrichtet er an der Qufu Universität.
Seine Arbeiten stellte er bereits in vielen Ländern Asiens, in Europa und Südamerika aus. „The Missing“ ist sein dritter Langfilm. Wir freuen uns, dass Han Tao aus China zum Filmfest Hamburg anreisen kann.

River of Life_Poster

The River of Life/ Studio 04.10.2015/ 21:00 Uhr, OmeU

Dokumentarfilm 2014 – Pingdao geht auf die dreißig zu, ist ein mäßig erfolgreicher Dokumentarfilmer und nun erwarten seine Freundin Wenjing auch noch ihr erstes gemeinsames Kind. Dabei sind sie noch nicht einmal verheiratet! Ihre Tochter wird einen Monat nach dem Tod von Pingdaos Großmutter geboren – und damit liegen die Hochzeitspläne auf Eis. Die Tradition verbietet es, dass im Trauerjahr eine Hochzeit stattfindet. Yang Pingdao verwebt Alltagsszenen eines jungen chinesischen Paares zwischen Erfolgsdruck, dreckigen Windeln und Eifersuchtsdramen mit Aufnahmen aus den letzten sechs Lebensjahren seiner Großmutter. Es entsteht eine vier Generationen umspannende, ineinanderfließende Familiensaga.

Yang Pingdao (*1980) stammt aus Kanton und arbeitet als Filmemacher, Kameramann und Drehbuchautor. Seine kurzen und langen Dokumentarfilmen sind seit 2007 auf zahlreichen chinesischen Festivals zu sehen gewesen. Der Regisseur wird zu unserer großen Freude in Hamburg dabei sein können.

The Gracefully Dancing Girl_Poster

The Gracefully Dancing Girl / Studio oben 05.10.2015/ 19:00 Uhr, OmeU

Spielfilm 2014 – Mitten in der rasanten wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Aufbruchstimmung Chinas am Ende der 1990er Jahre machen fünf Schüler in der Provinz ihren Schulabschluss. Ihre Zukunftspläne sind teils noch vage und träumerisch, teils konkret und zielgerichtet: Sollen sie an die Universität gehen oder im Dorf bleiben, ihre künstlerischen Ambitionen leben oder Geld verdienen, den Wünschen Ihrer Eltern folgen oder denen ihrer Herzen? Zhu Hang gelingt in seinem Debüt eine allegorische Coming of Age-Geschichte, die den romantischen Möglichkeitsraum des Erwachsenwerdens mit surrealen Sequenzen verwebt und schließlich auch denen ein Denkmal setzt, die bei diesem Aufbruch auf der Strecke blieben.

Zhu Hang (*1991), geboren in Chongqing in Zentralchina, machte 2014 seinen Abschluss an der Filmuniversität. Seinen Abschlussfilm The Gracefully Dancing Girl produzierte er ohne jegliche Förderung mit einem Budget von 1.000€.

Exif_JPEG_PICTURE

Yumen/ B-Movie 06.10.2015/ 21:15 Uhr, OmeU

Experimentalfilm 2013 – Yumen liegt in der Provinz Gansu, im trockenen Nordwesten Chinas. Einst war es eine florierende Großstadt, die vom Ölboom in der Region profitierte. Heute ist Yumen eine Geisterstadt, in der hungrige Seelen durch eine Ruinenlandschaft streifen auf der Suche nach menschlicher Bindung und einer gemeinsamen Vergangenheit. Komplett auf – auch aus der Zeit gefallenem – 16mm-Material gedreht, verbindet der Film Performancekunst mit sozialistischem Realismus, Ruinen-Voyeurismus mit einer Hommage an das vergangene Industriezeitalter.

Huang Xiang (*1974), geboren in Südchina, lebt als unabhängiger Filmemacher im Künstlerdorf Songzhuang, Beijing, ebenso wie Xu Ruotao (*1968), der dort als bildender Künstler und Regisseur tätig ist. J.P. Sniadecki stammt aus Michigan, USA. Seine Filme bewegen sich an den Schnittstellen zwischen Kunst, Kino und Ethnografie. Daneben arbeitet er als Kurator.

Gossip_Poster

The Eight Trigrams (The Gossip)
B-Movie 06.10.2015/ 22:30, OmeU German

Experimentalfilm 2014 – Eine müde Stahlarbeiterin hört den Klatsch und Tratsch ihrer Kollegen. Entnervt davon flüchtet sie sich auf die saftigen Blumenwiesen ihrer Fantasie. Die acht Trigramme des Titels verweisen auf eine in China traditionelle Weissagungspraxis. Wenn heutzutage die Rede von acht Trigrammen ist, ist einfach nur Geschwätz gemeint. Huang Xiang stellt die Frage nach dem Verhältnis von Illusion und Realität, die Antwort bleibt er bewusst schuldig. Universelle Ordnung oder leeres Gerede? Alles eine Frage der Perspektive.

Huang Xiang (*1974) lebt und arbeitet in Songzhuang, Beijing. Für sein Performance-Stück „Jasmine Flower“ in polizeilichen Gewahrsam genommen, in der Folge wurden seine künstlerische Arbeit und seine Ausstellungen weiterhin verhindert. Heute widmet er sich vorrangig dem unabhängigen Filmemachen.

A Memory Summer_Poster

A Memory of Summer/ B-Movie 07.10.2015/ 21:00 Uhr, OmeU

Spielfilm 2015 – China ist schon seit einiger Zeit mit der Schule fertig, hat den Absprung aus seinem Heimatdorf aber noch nicht geschafft. Er würde gerne in Peking an der Kunsthochschule studieren, durch die Aufnahmeprüfung ist er nun aber schon mehrfach gefallen. So verschwimmen die Sommertage in der Heimat, die er mit Dosenbier, Musik hören und seinem kleinkriminellen Schulfreund Zhihua verbringt. Je weiter der Sommer fortschreitet, desto trostloser werden Chinas Perspektiven – etwas muss sich ändern. Auf Basis seiner eigenen Jugenderinnerungen hat Tao Huaqiao eine melancholische Coming-of-age-Geschichte geschaffen, die einer orientierungslosen Generation Chinas ein Gesicht gibt.

Tao Huaqiao (1981*), studierte an der Chinesischen Kunstakademie in Peking, wo er 2009 seinen Abschluss erlangte. Mit seinem Debüt, dem Dokumentarfilm „Arhat“ (2009), gewann er zahlreiche Preise. „A Memory Summer“ ist sein Spielfilmdebüt.

邊界_小海報ok

From Border to Border
Studio oben 08.10.2015/ 22:00 Uhr, OmeU

Dokumentarfilm 2013 – Seit dem Beginn des 19. Jahrhunderts existiert eine große und lebendige chinesische Diaspora in Indien. Die taiwanesische Regisseurin Chung Shefong reist ins Herz von Kalkuttas Chinatown und versucht dort, Ursprünge und gegenwärtige Lebensrealität der Chinesen in Indien zu beleuchten. Dabei dokumentiert sie einerseits die großen historischen Einschnitte im chinesisch-indischen Verhältnis, andererseits auch die interkulturellen Verflechtungen und deren popkulturelle Verarbeitung. So entsteht ein filmisch-ethnografisches Kaleidoskop von den großen Einwanderungswellen über den chinesisch-indischen Krieg von 1962 bis hin zum ersten chinesisch-stämmigen Bollywoodstar.

Chung Shefong (1964*), gründete 1993 ein Label für Folk- und Weltmusik und 2001 das Migration Music Festival in Taiwan. Gegenwärtig unterrichtet sie an der National Chen-chi Universität in Taipeh. Ihr Langfilmdebüt „From Border to Border“ entstand in Kooperation mit Künstlern aus Taiwan, Deutschland, Indien und Indonesien.

Microsoft Word - A Moment in Love - COVER.docxA Moment in Love/ Studio oben 09.10.2015/ 19:30 Uhr, OF mit dt. UT

Dokumentarfilm 2014 – Eine Einstellung, drei Paare und jeweils 20 Minuten Zeit, um über ihre Beziehung zu sprechen. Das ist der formale Rahmen, den Guo Xiao-dong seinen sechs Protagonisten vorgibt, bevor er sie vor laufender Kamera alleine lässt mit sich und ihren Gefühlen. Und die zeigen sie, erst zögerlich und schüchtern, dann immer offener. Da ist Li, der nach einem Arbeitsunfall gelähmt ist und seine Frau, die am liebsten den ganzen Tag nur bei ihm bliebe, um sich um ihn zu kümmern. Yang und sein Partner können ihre Liebe nur im Verborgenen leben: Yang weiß nicht, wie er seiner Frau und seinem Kind gestehen soll, dass er einen anderen Mann liebt. Und dann sind da noch Kiddy und Qiao Qiao, sie ein erfahrenes Karaoke Girl, er hoffnungslos verliebt in sie. Eine Studie über gesellschaftliche Konventionen, individuelle Erwartungen und die Liebe an sich.

Guo Xiaodong (*) ist Produzent, Dokumentarfilmregisseur, Tontechniker und Editor. Er hat visuelle Kunst in Peking, Paris und Genf studiert. Heute lebt und arbeitet er in Peking. „A Moment in Love“ ist sein zweiter Langfilm.

The Gleaners_Poster

The Gleaners Studio oben 10.10.2015/ 17:15 Uhr

Hybrider Film 2014 – „Mein Film bietet keine faszinierenden Szenarien und hat auch kein hohes Tempo“, sagt Ye Zuyi über „The Gleaners“. „Es geht in ihm nur um meinen Alltag und den meiner Eltern.“ Die leben in einem Dorf in der Provinz Guangdong und sie können ihren Sohn nicht verstehen. Nach seinem Universitätsabschluss sucht er sich keine gutbezahlte Arbeit in der Stadt, sondern kehrt zurück aufs Land, um die Alten im Dorf für ein Filmprojekt über die große Hungersnot (1951 bis 1961) zu befragen. Und verheiratet ist der Junior auch noch nicht. In 27 festen Einstellungen re-inszeniert Ye Zuyi Gespräche mit seinen Eltern über ihr Leben und seine Zukunft. Die ruhigen wie die lauten, am Küchentisch und bei der Feldarbeit.

Ye Zuyi (*1985), studierte bis 2008 Verwaltungswissenschaften an der Universität von Südchina. „The Gleaners“ ist sein Debütfilm und wurde auf mehrere internationale Festivals eingeladen.

Bike and Old electric Piano_Poster

Bike and Old Electric Piano/ B-Movie 10.10.2015/ 19:00 Uhr

Dokumentarfilm 2013 – Ein altes elektronisches Klavier wird Zeuge der Begegnung zweier außergewöhnlicher Menschen: Zhang Yishu wuchs in Taiwan auf, kehrte aber mit seinem Vater in den 1980er Jahren in dessen Heimat China zurück. Dort musst er sich plötzlich in einem kommunistisches System zurechtfinden, was ihm besonders nach dem Tod des Vaters schwerfiel. Er zog sich immer weiter vor der Welt zurück, um auf eigene Faust Instrumente zu lernen. Irgendwann traf er Zhang Pengcheng, einen schrägen Vogel auf einem Fahrrad, und schenkte ihm ein E-Piano. Regisseur Shao Pao begleitet die beiden Außenseiter auf ihrem gemeinsamen Weg durch eine Welt, die wenig Verständnis für sie übrig hat. Ein modernes dokumentarisches Märchen über Einsamkeit und Freundschaft, Norm und Nischen.

Shao Pan (*1981)

FFHH_Logo

Initiatorin/Organisatorin Filmfest Hamburg:

Filmfest Hamburg gGmbH

Mönckebergstraße 18
20095 Hamburg
040 / 399 19 000
eMail

Pressekontakt:

Petra Schwuchow
Limelight PR
030 / 263 969 8-11
eMail

Ausführliche Informationen zum Gesamtprogramm des Hamburger Filmfest via www.filmfesthamburg.de

.

.

.

backoverview